Tongariro: Scheißjob

Jede Menge Scheiße, sagt die Hüttenwärterin. Ihr Job bestehe zum großen Teil im Pumpen von Scheiße, in Tausenden von Litern, die runter vom Berg müssen. Außerdem entsorgt sie Possumkadaver und putzt die Klos.

Es sei der beste Job, den sie je gehabt habe.

Abends in der Hütte

Mit rund vierzig anderen Wanderern sitzen mein Freund und ich dicht an dicht in der Otuere-Hütte im Tongariro-Nationalpark. Wir sind ganz Ohr, während die junge Frau von ihrem Job auf der Hütte erzählt.

Auf ihrer dunkelgrünen Kluft prangt das Logo des Department of Conservation, kurz DOC. Zu den Aufgaben der neuseeländischen Naturschutzbehörde gehört, Wanderwege zu pflegen und Possums und anderes eingeschlepptes Getier und Gewächs unter Kontrolle zu halten. An vielen neuseeländischen Wanderwegen wartet alle paar Meter eine Falle auf unvorsichtige Ratten, Hermeline und Beuteltiere. Teils macht ihnen moderne Technik den Garaus – per Kopfschuss: Ein Stahlkolben schießt ihnen direkt ins Hirn.

Das Possumfell findet sich dann in dem ein oder anderen Pullover wieder. Es ist paradox: Während die Possums in Australien unter Schutz stehen, kämpft Neuseeland für deren Auslöschung. In den 80er-Jahren soll es 50 bis 70 Millionen Possums in Neuseeland gegeben haben. Nach wie vor sollen sich dort etwa 30 Millionen der eingeschleppten Beuteltiere im Busch verstecken.

Die Otuere-Hütte, in der die Rangerin wochenweise lebt, ist eine von drei Hütten am Northern Circuit. Der Circuit (Rundweg) gehört zu den derzeit zehn sogenannten Great Walks in Neuseeland. Diese Wanderwege vermarktet das Department of Conservation besonders intensiv. Sie führen durch einige der interessantesten Landschaften Neuseelands. Und deshalb gibt es auf dem Circuit jede Menge Leute. Und jede Menge Scheiße.

Alpines Gelände

Aber es kommt noch mehr Scheiße dazu. Der Northern Circuit überschneidet sich mit dem Tongariro Alpine Crossing (alpine Tongariro-Überquerung), einer der beliebtesten Tageswanderungen Neuseelands. Den Wegrand säumen immer mal wieder ein paar Klohäuschen, um die an warmen Tagen die Fliegen als surren. Es sind weit und breit und die einzigen Viecher, die man da oben zu Gesicht bekommt. Die Route liegt hoch: Beginnend auf rund 1.100 Metern steigt sie auf fast bis 1.900 an. Und irgendwann ist da nichts mehr als rote vulkanische Asche und Kunstwerke aus Stein, die die Berge ausgespien haben. Und natürlich sind da die Wanderer.

Schon früh am Morgen liefern die Shuttlebusse die Fußgänger am Ausgangspunkt ab. Dann startet die Prozession. Bis zu 130.000 Landschaftspilger machen sich jährlich auf den Weg. Pro Tag sind das durchschnittlich mehr als 350 Personen. Wenn man bedenkt, dass die Strecke bei schlechtem Wetter kaum begangen werden kann, lässt sich erahnen, was dort an einem sonnigen Tag los ist. Eine Menschenschnur schlängelt sich dann den Vulkan hinauf: am Mangatepopo Stream entlang, zum Krater, zu den drei Seen mit ihrem fotogenen azurblauen Wasser. Der Tongariro ist der Ballermann unter den Wanderwegen, zumindest bei gutem Wetter.

Wer auf kurze Videoclips steht, in denen Menschen stürzen, stolpern oder einen Hang hinabpurzeln, braucht nur kurz hinter dem höchsten Punkt am Alpine Crossing sein Lager aufzuschlagen. Der Pass ist voller Geröll, steil und schmal. Die meisten Tageswanderer sind ohne Stöcke unterwegs, einige tragen Sneakers. Wie auf Eiern balancieren sie am Kraterrand entlang nach unten. Alle paar Minuten rutscht einer der Wanderer ein paar Meter den Hang hinab, schlittert maximal unelegant durch den Staub. Ich mühe mich im Krebsgang vorwärts und bete, dass mich keine Lawine trittunsicherer Touristen in den Tod stürzt.

Wer seine Ruhe will, muss nur auf Regen warten. Außer Nebelsuppe mit Wolkenschwitze ist dann allerdings auf dem Tongariro Alpine Crossing nicht viel zu sehen.

Schlafplatz im Voraus buchen

Sobald mein Freund und ich das Crossing verlassen, wir biegen rechts ab Richtung Otuere-Hütte, bleiben die Menschenmassen hinter uns. Die Zahl der Wanderer auf dem Northern Circuit ist durch die Zelt- beziehungsweise Schlafplätze in den Hütten begrenzt. Beides muss man auf der DOC-Internetseite im Voraus buchen: Für 36 neuseeländische Dollar darf man sich in der Hütte zwischen andere ungeduschte Genossen betten, Zelten schlägt mit 15 Dollar pro Person zu Buche.

Dafür gibt es, wenn man Glück hat, aber nicht nur die illustre Gesellschaft anderer Wanderer. Eventuell kommt man am Abend auch in den Genuss eines Hut Talk, also einer Hüttenbesprechung, die sich nicht nur um das Wetter am nächsten Tag dreht, sondern von Maori-Legenden, den Wundern Neuseelands und einem traumhaften Scheißjob handelt.

Tongariro: Northern Circuit

Land: Neuseeland (Nordinsel)

Anreise: Wie so oft in Neuseeland gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel, die zum Ausgangspunkt der Tour (Whakapapa Village) fahren. In den umliegenden Orten gibt es überall private Shuttle-Unternehmen, die das Anfahrtsproblem lösen.

Gehzeit: dreieinhalb Tage (16. bis 19. November) für 43 Kilometer

Herausforderungen: Der Weg ist gut beschildert, ist teils aber sehr steil. Bei schlechtem Wetter kann es auf fast 2.000 Metern Höhe schnell extrem kalt werden. Unter Umständen muss man in Kauf nehmen, einen Tag in einer Hütte auszuharren, bis sich das Wetter wieder bessert. Der Anstieg zum Krater hat es in sich, der Abstieg ebenso. Teile des Weges sind stark ausgewaschen, bei Regen verwandeln sich diese Abschnitte in eine Matschpiste.

Höhepunkte: Besucherzentrum in Whakapapa Village, Abstecher zu den Taranaki Falls, Red Crater, Blick auf den Mount Ngauruhoe (auch bekannt als Mount Doom aus Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Verfilmung), Hüttenbesprechung, die Waihohonu-Hütte (hat Panoramafenster), Emerald Lakes, Touristenmassen auf dem Tongariro Alpine Crossing

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