Nasenschleim und Beerenwein

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Mario Marx schwört auf Rotz. Er schmiert ihn auf die Wangenknochen. Hilft gegen die Höhensonne im Himalaya, behauptet er.

Meine Bloggerkollegen frotzeln: Wenn die Erkältungszeit kommt, könne man sich für den nächsten Spanienurlaub ein Döschen Nasenschleim abfüllen. Als voll biologisch abbaubare Sonnenmilch.

Von der Pfalz auf den Everest

Mario betreut Expeditionen auf den Mount Everest – und wandert mit mir und einem guten Dutzend anderer Wanderblogger durch die Pfalz: Die Arme kreuzt er vor der Brust. So fällt das Atmen schwerer und er marschiert langsamer.

Eine Rotzkur braucht niemand von uns: Der höchste Berg der Pfalz, der Donnersberg, kratzt mit seinen knapp 700 Metern nur den Fußknöchel des Everest. Die Teufelstour kommt im Steinbruch Sulzbachtal auf fast 450 Meter – ein Maulwurfshügel für Mario.

Mehr als hundert Mal ist der Berg- und Wanderführer die Teufelstour bereits gelaufen. Es ist seine Trainingsstrecke, auf der er schon mal im Laufschritt einen Autoreifen über den Waldboden schleift. Jeden zweiten Sonntag bietet er über die Tourist-Information Otterbach-Otterberg eine geführte Teufelstour für Jedermann an.

Mario ist ein unauffälliger Typ. Er erzählt, dass die Leichen am Everest nicht das Schlimme seien, sondern die Sterbenden. Dass einem, der nicht habe hören wollen, die Finger abgefroren seien. Dass man in der Kälte pro Tag zwischen 10.000 und 12.000 Kalorien zu sich nehmen müsse, um da oben zu überleben. Ich futtere schnell einen Müsliriegel. Sicher ist sicher.

Windräder und alte Steine

Dass Mario seine Abenteuer nicht hinausbrüllt, sondern ein leiser Erzähler ist, passt in die Pfalz: Keine Prahlerei, keine Superlative, aber zurückhaltend stolz. Ordentlich, ohne hochglanzpoliert zu sein. Teils in die Jahre gekommen. Aber: Was alt ist, kann sich erneuern. Neben den verschlafenen Steinbrüchen aus Buntsandstein, nahe römischer und keltischer Überbleibsel, tanzen Windradriesen auf weichen Hügeln.

Wer nicht überwältigt wird, kann sich umsehen. Es ist der zweite Blick, der sich in der Pfalz besonders lohnt, etwa ins Beere(n)weinmuseum in Eulenbis. Der Ort wirbt auf seiner Webseite (Stand: September 2017) damit, »eine staatlich anerkannte Fremdenverkehrsgemeinde zu sein«. Ich frage mich, ob es auch nicht-anerkannte Gemeinden gibt oder was Eulenbis tun muss, damit ihm dieser Status wieder aberkannt wird.

Egal … Das Museum gehört zu der Art von Heimatmuseum, in der ich normalerweise ratlos herumstehe: ein einziger Raum, alte Fotos, noch ältere Gerätschaften, die ebenso Artefakte einer außerirdischen Zivilisation sein könnten. Arnold Jung wartet dort auf uns und lässt Ratlosigkeit nicht zu. Weißhaarig, ein Bäuchlein vor sich hertragend, packt er Beerenschnaps und Beerenwein aus und gibt zotige Sprüche in bestem Pfälzisch zum Besten.

Wir Wanderblogger sind mit dem Alkohol zurückhaltend, denn hinter Eulenbis haben wir noch fünf Kilometer Teufelstour vor uns. Wenn ein Kegelclub zu Besuch ist, läuft Arnold Jung sicher zu Hochtouren auf.

Jung betreut das Museum seit 1994 und wird bald 75. Aus der Spitze einer kleinen matschbraunen Beere (pfälzisch für Birne) presst er wie aus einer Pipette eine klare, leicht schaumige Flüssigkeit auf meinen Handrücken. Ich lecke die durchsichtige Brühe auf. Sie ist süß und ein modrig – laut Jung genau richtig, um daraus Beerenwein zu keltern. Die Birne selbst schmeckt scheußlich: bitter, hart, mein Mund ist pelzig. Arnold Jung, der mir das Früchtchen angedreht hat, lacht sich schepp (pfälzisch für schief).

Exklusiv in Eulenbis, aber mit Nachwuchsproblem

Den Beerenwein gibt es nirgendwo zu kaufen, sondern nur im Museum in Eulenbis. Arnold Jung und ein paar wackere Getreuen im Rentneralter halten die Beerenweinproduktion aufrecht. Jedes Jahr keltern sie 600 bis 800 Liter. Aber sie haben ein Nachwuchsproblem. Um den Beerenwein vor dem Aussterben zu retten, bräuchte es einen wie Martin Leister, Mitgründer der Schnorres-Brauerei.

Während Arnold Jung die Tradition in der Pfalz hütet, erfindet Martin Leister alias »Maddin« sie einfach neu. Der Jungbrauer ist kein Braumeister, sondern Lehrer. Das Schnorres-Bier war eine WG-Geburt, die ersten Fuhren kühlten in der Badewanne. Irgendwann war die Nachfrage so groß, dass eine Firma her musste (siehe Video unten).

Am Abend vor der Teufelstour verkosten wir Blogger das Schnorres-Bier. Schnorres heißt Schnurrbart. Flaschen und Bierkästen ziert ein kräftiger Schnauzer, wie ihn heute kaum einer mehr trägt. Außer mein Onkel, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich finde alle drei Schnorres-Biersorten lecker. Wahrscheinlich würde ich Maddin ohnehin alles abkaufen. Wenn ein junger Typ in Baseballkappe und T-Shirt davon spricht, ein Bier brauen zu wollen, das für Heimat steht, werde ich rührselig. Außerdem habe ich ein Faible für rothaarige Männer.

Mineral wartet auf Entdeckung

Die übrigen fünf Kilometer von Eulenbis zum Bahnhof Untersulzbach gehen nur noch bergab. Eine Herde Kühe versetzt uns Blogger in Verzückung, weil sie so dekorativ sind und bewegungslos abwarten, bis alle ihre Fotos geschossen haben. Wer braucht Safari, wenn er Rindviecher knipsen kann?

Wer ein paar Steine klopft und Glück hat, findet auf der Teufelstour sogar Fossilien. Ich halte lieber Ausschau nach Dreyerit: Laut Infotafel ist das ein bis Ende der siebziger Jahre unentdecktes Mineral. Mit nur drei beschriebenen Vorkommen ist es selten; eines liegt an der Teufelstour. Wieder so ein Bonbon, das in der Pfalz geduldig am Wegrand wartet.

Dem Entdecker hat das Mineral kein Glück gebracht: Dr. Gerhard Dreyer verunglückte mit 34 Jahren auf einer wissenschaftlichen Expedition. Womit wir wieder bei Mario Marx wären, der, hoffe ich, besser auf sich aufpasst: In Sulzbachtal verabschiedet er sich. Während wir mit dem Taxi zurück nach Olsbrücken fahren, läuft er zurück zum Ausgangspunkt. Vom Wandern in der Pfalz bekommt er nicht so schnell genug.

Ich glaube, ich auch nicht.

 

Von Olsbrücken nach Sulzbachtal: Teufelstour

  • Land: Deutschland (Pfalz)
  • Anreise: mit der Bahn über Kaiserslautern nach Olsbrücken
  • Länge: 15 km
  • Gehzeit: rund 5 Stunden (16. September 2017)
  • Höhepunkte: Beerenweinverkostung in Eulenbis, Teufelsstein (ein alter römischer Steinbruch im Wald mit Rastplatz), Kuhherde
  • Herausforderungen: An den Aufstiegen kommt man ein wenig aus der Puste. Der Weg ist gut mit einem Teufelssymbol markiert.

Die Teufelstourwanderung war Teil des 3. Bloggerwanderns Rheinland-Pfalz. Ich war auf Einladung der Rheinland-Pfalz Tourismus und der Pfalz Touristik mit dabei, was meine Meinung bestimmt, ganz sicher, irgendwie beeinflusst hat (siehe dazu Vorzeitiger Erguss).

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Frank Hamm sagt:

    Hallo Jana, vielen dank für den tollen Artikel! Den hast Du echt super geschrieben!

    Gefällt 1 Person

    1. Jana sagt:

      Danke für die Blumen!

      Gefällt mir

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