Nibelungensteig: Schlafmützenschweiß

Der Odenwald ist fast so hoch wie der Himalaya, denke ich und ergreife umfassende Kälteschutzmaßnahmen. Meinen Schlafsack habe ich aufgeflauscht. Aufflauschen ist das, was der Daunenschlafsack tut, wenn man ihn aus seiner Hülle zieht, in die man ihn am Morgen gepresst und damit alle Flauschigkeit aus ihm hinausgequetscht hat. Aufgeflauscht wärmt der Schlafsack besser.

Ich liege auf dem Terrassencampingplatz Schlierbach. Ein paar Stunden vorher hatte uns dort ein Mann mit den Worten begrüßt: Ah, Fußgänger. Als wären wir eine außergewöhnlich seltene Spezies, die er nur dank seines Kennerblicks eindeutig zu identifizieren weiß. Mein Freund und ich sind weit und breit die einzigen Zelt bewohnenden Lebewesen, und ich frage mich, ob es wirklich eine so tolle Idee war, im April draußen zu übernachten.

Wie eine Achterbahn. Nur langsamer.

Auf unsere Frage, wo man denn im Ort lecker noch etwas essen könne, antwortet der Campingplatzmann: Es gibt zwei Gaststätten. Zu mehr Konversation kann er sich nicht durchringen. Wahrscheinlich musste er wegen uns seinen Feierabendsofaplatz verlassen. Aber es ist nicht unsere Schuld, dass wir spät dran sind: Auf dem Nibelungensteig war zu viel Steig, und den mussten wir hoch und runter und noch mal hoch und runter und wieder hoch und wieder runter. Wie eine Achterbahn. Nur langsamer. Das dauert.

Um aufzutauen, trinke ich in einer der Gaststätten eine heiße Zitrone und esse extra viele Käsespätzle, um nachts im Zelt ausreichend Energie verbrennen zu können.

Auf dem Rückweg zum Campingplatz bibbern mein Freund und ich trotzdem wie zwei vibrierende Smartphones. Nach einer Wanderung von rund 23 Kilometern – der ersten Etappe des Nibelungensteigs – fühle ich mich wie eine Scheibe zerknautschtes Toastbrot im Kühlschrank.

Geheimwaffe gegen Kälte

Um dem Erfrierungstod zu entgehen, habe ich eine Kältegeheimwaffe dabei. Sie nennt sich Mütze und wird über den Kopf gezogen. Sehr praktisch. Ich setze sie auf, denn ich erwarte nachts arktische Temperaturen, und wickele mich in die Flauschigkeit meines Schlafsacks. Die Socken und einen Fleece lasse ich an, damit die Frostbeulen keine Chance haben.

Ungefähr zwei Stunden später wache ich in einer subtropischen Klimazone auf. Mein Schweiß hat das Innere des Schlafsacks in ein Feuchtbiotop verwandelt, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Frösche und andere Amphibien einziehen werden. Ich reiße mir die Mütze vom Kopf und winde mich aus der Schlafsacksauna.

Die Mütze war übertrieben, meint mein Freund am nächsten Tag. Das nächste Mal, antworte ich schnippisch, zelten wir im Januar.

Nibelungensteig (Etappe 1 und 2: Zwingenberg bis Grasellenbach)

  • Land: Deutschland
  • Anreise: per S-Bahn von Mannheim nach Zwingenberg
  • Länge: Etappe 1 (Zwingenberg bis Campingplatz Schlierbach) ca. 23 km, Etappe 2 (bis Grasellenbach) ca. 17 km (April 2017)
  • Gehzeit: Etappe 1 rund 7 Stunden, Etappe 2 rund 5 Stunden (beide mit Gepäck)
  • Höhepunkte: Felsenmeer, Lindenfels, Torten- und Kuchenparadies Café Bauer
  • Herausforderungen: Berg hoch, Berg runter, wieder Berg hoch, wieder Berg runter …

dig

 

 

 

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